Autorin: Noreen Naranjos-Velazquez
Bild: pixabay.com

„Monstergeschichten“ gelten in Fachkreisen als sehr sensible Themen, denn im Einzelfall geben sie Hinweise auf familiäre Gewalt. Über die Erzählungen reflektieren Kinder ihre dunklen Erfahrungen in der Kindheit.



Gemäß dem Gewaltschutzgesetz (§1631 im Bürgerlichen Gesetzbuch, kurz BGB) haben Kinder in Deutschland ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Dennoch sind pro Jahr zwischen 49.500 und 67.500 Kinder von elterlicher (Partnerschafts-)Gewalt betroffen. In maximal 30% der Fälle wird Anzeige erstattet, die Dunkelziffer ist sehr groß. Beispielsweise müssen kindliche Opfer sexuellen Missbrauchs durchschnittlich sieben Erwachsene ansprechen, bis ihnen eine Person glaubt und entsprechend Hilfe organisiert. Es gibt verschiedene Formen von Gewalt, die sich direkt gegen Kinder richten. Diese lassen sich in physische und psychische Arten unterteilen:

  • sexueller Missbrauch
  • körperlicher Missbrauch wie Schlagen
  • Vernachlässigung
  • seelischer Missbrauch (etwa Demütigungen / Beleidigungen)


Resilienz als Chance im pädagogischen Alltag

Internationale Studien belegen, dass kindliche Opfer häuslicher Gewalt später als Erwachsene selbst oft zu Tätern werden. Gleichzeitig gibt es aber auch zahlreiche Kinder, welche nicht in diesen Teufelskreis geraten: Die Fachwelt spricht von Resilienz. Diese besonders widerstandsfähigen Kinder besitzen bestimmte Schutzmechanismen, die sich zum Beispiel durch starke Charaktereigenschaften auszeichnen, um solche Krisen zu bewältigen. Ein starkes Selbstbewusstsein und Sozialkompetenz spielen dabei eine besondere Rolle. Gleichzeitig hatten genau diese Kinder die Möglichkeit, ihr angeborenes Bedürfnis nach stabiler Bindung außerhalb der Familie auszuleben.

Hier kommt vor allem die pädagogische Fachkraft mit ins Spiel. Zum einen kann sie im Kita-Alltag genau diese professionelle Bindungsperson sein, zu der das Kind Vertrauen aufbaut; auf der anderen Seite bietet die tägliche Arbeit Spielraum, um mit den Kindern in der Gruppe positive und stärkende Sozialerfahrungen zu machen.

Beobachtung – Dokumentation – Handlung

Paragraph 8a SBG VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz, KHJG) bildet den gesetzlichen Rahmen für einen besseren Schutz der Kinder bei Kindeswohlgefährdung, schlussendlich müssen jedoch gewichtige Anhaltspunkte vorliegen. Die traumatisierenden Erfahrungen können den Nachwuchs direkt oder indirekt betreffen. Hierfür sind konkrete Beobachtungen notwendig. Werden Mädchen Opfer häuslicher Gewalt, neigen sie beispielsweise oft dazu, die Erfahrung innerlich zu bewältigen.

Das bedeutet, sie ziehen sich zurück, wirken depressiv und suchen kaum Kontakt nach außen. Im Gegensatz dazu tragen Jungen meist auffällige Verhaltensformen nach außen – sie bevorzugen eine aggressive und gewalttätige Kommunikation. Weitere Anzeichen bei kindlichen Opfern sind plötzliches Einnässen oder Regression – sie gehen einen Entwicklungsschritt zurück und zeigen ein für ihr Alter nicht angemessenes Verhalten. Es ist von großer Wichtigkeit, dass Fachkräfte diese Veränderungen wahrnehmen und möglichst lückenlos

dokumentieren. Verhaltensänderungen müssen dabei über einen längeren Zeitraum (bis zu sechs Monate) beobachtet werden.

Währenddessen sind pädagogische Fachkräfte verpflichtet:

1. Beobachtete Verhaltensweisen den Eltern rückmelden (Tür- und Angelgespräch): „Ich habe beobachtet, dass sich Lisa in den letzten Tagen sehr zurückzieht. Wie verhält sie sich jetzt gerade zu Hause?“

2. Die tägliche Dokumentation weiterführen. Beispielsweise können die Bilder oder Monstergeschichten der betroffenen Kinder in Verbindung mit auftretenden Verhaltensveränderungen einen Verdacht erhärten. Erzieher können diese Arbeiten mit komplettem Namen, Datum und Uhrzeit der Entstehung möglichst unauffällig aufbewahren. In vielen Einrichtungen wird der Kita-Alltag in Portfolios auch mithilfe von Fotos dokumentiert. Auf diese Weise können auch verhaltensauffällige Spielszenen des beobachteten Kindes festgehalten werden.



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3. Sollte sich das Verhalten nicht ändern oder sich der Verdacht auf familiäre Gewalt erhärten, ist die Erzieherin verpflichtet, die leitende Fachkraft der Einrichtung umgehend zu informieren. Jede Institution hat Kooperationsvereinbarungen mit dem örtlichen Jugendamt – in diesen sind entsprechende Schritte klar definiert. Beispielsweise haben einige Kitas eine entsprechende Schutzbeauftragte oder arbeiten mit einer in diesem Bereich erfahrenen Fachkraft zusammen. Es handelt sich hierbei um speziell geschultes Personal, welches Gefahren genau einordnen kann und eventuell notwendige Schritte einleitet. In jedem Fall ist die Kooperation der Familie unerlässlich, es sei denn, Gefahr ist in Verzug.

4. Grundsätzlich seien Fachkräfte aber auch vor willkürlichem Übereifer gewarnt! Zum einen erweisen sich erste Vermutungen glücklicherweise oft als inkorrekt, zum anderen kann das Vertrauen der Familie in die pädagogische Fachkraft erlöschen und das Kind wird eventuell gefährdet. Regelmäßige Fortbildungen im Team zum Thema können die professionellen Sinne schärfen. Damit schützen sich Erzieherinnen oder Tagespflegepersonen nicht nur vor sekundärer Traumatisierung (indem sie sich sehr stark in das Schicksal des Kindes einfühlen und selbst traumatisiert werden), sondern sichern sich auch rechtlich ab. Schließlich definiert das Gesetz, dass Nichtstun zivil-, arbeits- als auch sozialrechtliche Folgen für pädagogische Fachkräfte haben kann!


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Literatur:
Textor, M.: Kindeswohlgefährdung: richtiges Vorgehen bei Verdacht auf Kindesmisshandlung und sexuellen Missbrauch. http://www.kindergartenpaedagogik.de/1498.html (Zugriff 18.9.2015)
Naranjos, N. (2015). Wenn Kinder elterliche Partnerschaftsgewalt miterlebt haben: Biographische Reproduktion von Gewalt. AV Akademikerverlag, 2015.